Wenn Stärke und Angst aufeinandertreffen

Die Ahnung der Frau ist meist zuverlässiger als das Wissen der Männer.

Ich liebe den Wald. Wenn die Sonnenstrahlen durch das dichte Laub brechen und mich nichts als Ruhe umgibt, fühle ich mich lebendig und angesteckt von der Kraft, die in jedem Baumstamm steckt. Die Tiefe des Waldes ist ein Rückzugsort für mich und gleichzeitig mein Ort der Angst. Hinter jedem Baum, hinter jedem Strauch und hinter jeder Abbiegung könnte jemand auf mich warten und mich mit sich ziehen. Die Dunkelheit des Waldes verschluckt jedes Geräusch und jeden Menschen, wenn er nur tief genug in dem Labyrinth aus Ästen und Laub verschwindet. Schon einige Male habe ich vor dem Waldesrand kehrt gemacht und mir einen Weg gesucht, der außerhalb der Bäume lag. Die freie Sicht gab mir ein Gefühl der Sicherheit, obwohl der Wald mich lockte und seine Wege weit mehr Spaß versprachen. Meine Ängste verbauen mir neue Orte und unbekannte Wege, aber sie sind nicht immer ein Hirngespinst.

Ich bin mir sicher, dass viele Frauen das Gefühl kennen. Die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit in der Einsamkeit. Schon oft habe ich mich mit Freundinnen oder Bekannten unterhalten, die im Winter nicht im Dunklen laufen möchten oder sich einen Weg mit Straßenbeleuchtung suchen. Ich kenne Frauen, mich eingeschlossen, die ihren Haustürschlüssel wie ein Messer halten. Eine Waffe bei sich zu tragen vermittelt Sicherheit. Ich frage mich oft, ob diese Angst vor einer Gefahrensituation ihren Ursprung in meiner verkopften Art hat. Bestimmt bis zu einem gewissen Grad. Ich male mir ein Risiko so lange aus, bis es scheinbar real ist. Es ist kräfteraubend so zu denken und in allem eine potenzielle Gefahr zu vermuten und es ist unfair, jedem Mann eine böse Absicht zuzumuten. Trotzdem passiert oft genau das: Ich bin alleine im Wald unterwegs, sehe jemanden auf mich zukommen und sondiere augenblicklich die Lage: Hat er einen Hund oder eine Begleiterin dabei oder ist er allein? Ist er dick oder dünn? Könnte ich versuchen wegzulaufen? Würde mich jemand schreien hören? Meine Schritte werden schneller, mein Herz rast, ich halte den Atem an, laufe an der Person vorbei und… nichts. Ein Gruß, ein freundliches Lächeln und schon ist man aus der Aufmerksamkeitsspanne des anderen verschwunden, der nicht den Hauch einer Ahnung hat, dass er in meinem Kopf kurz die Rolle eines Vergewaltigers eingenommen hat.

Während ich das aufschreibe, muss ich unwillkürlich den Kopf schütteln. Kann es denn sein, dass ich so denke? Kann es denn sein, dass ich mir die Freude am Laufen nehme, weil ich überall das Böse vermute? Ein Freund meinte letztens zu mir: „Wenn du hinter allem und jedem stets das Schlechte siehst, wie sollst du dann jemals Freude im Leben finden?“ Wie recht er damit hat, aber als Mann kann er diese Gedanken nicht nachvollziehen, diese Verletzlichkeit einer Frau nicht teilen, die Bedrohung hinter einer vielleicht nett gemeinten Geste nicht sehen. Ein Mann macht ein Kompliment und eine Frau versteht dahinter eine plumpe Anmache. Ein Mann schaut bewundernd und eine Frau sieht eine Provokation in seinem Blick. Ein Mann möchte aufmerksam sein und eine Frau fühlt sich in ihrer Eigenverantwortung untergraben. Ein Teufelskreis, der teils gesellschaftlich und medial gemacht ist und manchmal eigenen Erlebnissen zu Grunde liegt.

Ich behaupte eine starke Frau zu sein. Eine Frau, die weiß was sie will und die stolz auf die eigene Leistung ist. Nur mein engstes Umfeld kennt meine verkopfte Seite und die damit einhergehende Unsicherheit in vielen Lebensbereichen. Ich bin keine Draufgängerin, jedoch erwarten viele genau das von einer jungen Frau, die Berge erklimmt und dabei versucht die Schnellste zu sein. Ich glaube, dass Vorsicht gut ist und dass mich meine Gedanken schon oft vor Verletzungen und Unfällen bewahrt haben. Aber zu welchem Preis? Wie oft habe ich schon auf die Freude am Laufen in der Natur verzichtet, weil ich eine potenzielle Gefahr vermutet habe? Wie oft habe ich mir spontane Abenteuer entgehen lassen, weil mein Kopf andere Pläne vertrauter und damit sicherer auslegte. Wie sehr widerspreche ich mir selbst, wenn ich nach außen die starke Frau gebe und mich im inneren vor allem Unbekannten verschließe?

Ich verstehe jede Frau, die sich Gedanken bei der Wahl ihrer Laufroute macht. Ich kenne die Unsicherheit, wenn es frühmorgens oder spätabends dunkel ist, und ich kenne den inneren Konflikt beim Abwägen zwischen Wille und Kopf. Auf der anderen Seite kenne ich das unvergleichbare Gefühl, das mich bei jedem Lauf und bei jedem Schritt begleitet. Das Gefühl stark zu sein, unabhängig und frei. Laufen bedeutet Freiheit und Freiheit ist nur dann frei, wenn sie erlebt wird. Bei der Entscheidung gegen den Wald und für die immer gleiche Runde um den beleuchteten Stadtpark nehme ich mir diese Freiheit. Ich entscheide mich für die Vorsicht aus Angst vor (eigens gemachten) Sorgen.

Erst vor ein paar Wochen hat eine befreundete Trailrunnerin aus Kapstadt etwas auf Instagram gepostet. Mit ihrer Heimatstadt ist sie anderen Bedingungen und Gefahren ausgesetzt als ich im behüteten München. In ihrem Post erzählte sie von den Fragen, die sie immer wieder erreichen. Fragen rund um das Thema Sicherheit. Einige Male kamen das Thema der gewohnten Strecke auf und die Frage, ob sie aus Sicherheitsgründen oft dieselben Routen läuft. Meine Freundin konnte die Fragen verstehen, ich ebenso. Ich selbst hatte sie einige Male stellen wollen. Ihre Antwort darauf war so eindeutig wie schön. „Natürlich gibt es Risiken, aber wenn ich mir dadurch die Freude am Laufen nehmen lasse, verliere am Ende nur ich. Es gibt immer wieder Situationen im Leben, die eine Entscheidung erfordern. Es gibt immer den vorsichtigen oder den mutigen Weg. Uns die Aufregung des Lebens aufgrund von Vorsicht und Gewohnheit zu verweigern, wäre eine Entscheidung gegen die Freiheit. Ich bin eine starke Frau, ich laufe jeden Tag und ich entscheide mich immer wieder für einen Lauf, an dessen Ende mein Glück liegt. In der Erwartung an Unglück kann ich nur verlieren. Also lasse ich diese Sorgen gar nicht zu und genieße den Augenblick.“

Liebe Frauen, das hier soll kein Aufruf zum unüberlegten und draufgängerischen Rumrennen sein. Es gibt Gründe für unsere innere Vorsicht und auch ich werde weiterhin mit dem Hausschlüssel in der Hand laufen und hier und da auf riskante Wege verzichten, wenn es mein Kopf verlangt. Aber lasst uns nicht vergessen, dass wir es selbst in der Hand haben, wie viel Unsicherheit wir zulassen. Lassen wir uns davon einnehmen, verlieren wir die Freude an spontanen und unerwarteten Augenblicken. Als starke Frauen haben wir das Recht frei zu sein und dabei dennoch vorsichtig. Erkundet neue Trails, plant eure Routen bedacht und denkt in schwierigen Momenten an meine Freundin, die in Südafrika zu Hause ist und dort jeden Tag aufs Neue den Tafelberg erobert, weil sie sich nicht von Sorgen und Ängsten aufhalten lässt.

Ich behaupte von mir selbst eine starke Frau zu sein. Eine Frau, die nichts zu befürchten hat, weil kein Risiko es wert ist, dafür das Leben zu verpassen.