Das eigene Leben bekommt wenig Likes

Das eigene Leben bekommt wenig Likes

Es ist schon erstaunlich welche Relevanz soziale Netzwerke heutzutage einnehmen. Erstaunlich, erschreckend, traurig, schockierend, lachhaft. Seitdem ich einen Sponsor an meiner Seite habe und der Sport eine so wichtige Rolle in meinem Leben einnimmt, hat auch meine digitale Abhängigkeit um einiges zugenommen. Zwar nicht unbedingt für mich selbst, aber doch für mein Leben als Sportlerin. Dank Instagram habe ich wichtige Kontakte geknüpft und den ein oder anderen Sponsor gewonnen. Wo wäre ich wohl ohne diese Plattform? Wo wären wir alle ohne dieses meist oberflächliche Geplänkel?

Das Wort meist ist bewusst fett markiert. Was ich nämlich als positiv hervorheben möchte sind die Profile verschiedener Zeitungen, Sendungen und Magazine. Das des „jetzt“  Magazins zum Beispiel, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung oder das der Zeit, der Tagesschau und dem ZDF. Nicht zu vergessen „Quarks“, arte und Greenpeace. Es gibt heutzutage weit mehr Möglichkeiten sich zu informieren und dazu gehört auch der Newsfeed der Instagram App. Man scrollt durch die neuen Posts und ist anschließend einigermaßen auf dem neuesten Stand der Dinge im Bezug auf das aktuelle Weltgeschehen. Auch hier ist einigermaßen fett markiert, denn der eigene Feed ist eine eigene Auswahl und damit informationstechnisch sehr begrenzt. Aber dennoch. Instagram hat auch seine sinnvollen Seiten, was meine tägliche Verweildauer nicht ganz so traurig erscheinen lässt.

Instagram beschäftigt mich mehr als es mir lieb ist. Erst letztens habe ich auf meinem Handy nachgeschaut und erschrocken festgestellt, dass ich pro Tag durchschnittlich 1,30 Stunden auf dem Netzwerk verbringe. Das ist viel Zeit! Und was mache ich während all dieser Minuten? Ich verfolge das Leben der Anderen, ich beneide sie um ihre Zeit in der Natur, um ihre anscheinend perfekten Momente draußen und ihr scheinbar tolles Leben. Und was das Schlimmste daran ist: Während ich das tue verachte ich kurz mein eigenes, eigentlich wunderschönes Leben. Ich habe es lange Zeit gar nicht bemerkt, aber Instagram hat meine aktuell schon sehr schwierige Lage noch einmal mehr erschwert, dabei reicht es schon so zum schlechten Gefühl. Arbeitslos, nirgends eingeschrieben, zur Untermiete, Fernbeziehung, Corona. Welch grandiose Aussichten. Noch dazu haben wir Januar, ein immer grauer Monat, kalt und vollgestopft mit Neujahres Vorsätzen. Wenn ich all das addiere frage ich manchmal wirklich wie ich es jeden Morgen aus dem Bett schaffe. Dabei ist der „Morgen“ ein gutes Stichwort.

Zu meinem morgendlichen Ritual gehört nämlich normalerweise und als aller erstes ein Blick auf den stummen Bildschirm neben mir. Ich wache auf, drehe mich zur Seite und entriegele mein Handy, meinen treuen Begleiter. Dabei hebe ich den Flugmodus auf und warte mehrere Sekunden voller Vorfreude auf eintreffende Nachrichten. Der erste Schlag ins Gesicht folgt also meistens schon frühmorgens, wenn keine neuen Nachrichten aufblinken und ich enttäuscht hinnehmen muss, dass mir wohl in den vergangenen sechs bis acht Stunden niemand geschrieben hat. Dass es Nacht war und somit wahrscheinlich völlig zurecht niemand geschrieben hat ist egal. Es geht ums Prinzip. Danach wird Instagram geöffnet und zugleich bin ich umgeben von den Profilen denen ich folge. Die meisten davon sind Sportler*innen, Umweltaktivist*innen und offensichtlich erfolgreiche, wunderschöne Menschen. Das ist doch Balsam für die Seele. Es gibt ein paar Profile die mir in diesem Zusammenhang sofort einfallen und die mich ehrlich gesagt einfach nur belasten. Aber wer ist schon so ehrlich das zuzugeben. Eins dieser Profile ist das einer langjährigen Freundin von mir. Sie ist bildschön, modelt und hat seit kurzem ihre Liebe zur Bewegung in der Natur entdeckt. Obwohl ich weiß, dass einige ihrer Posts nur um des postens willen gepostet wurden, beobachte ich mich selbst dabei wie ich augenblicklich mein eigenes Leben als trist und langweilig betrachte, nur, weil ich nicht wie offensichtlich meine Freundin Tag ein Tag aus in den Bergen bin. Wie furchtbar ist das denn? Ich bewerte mein eigenes Leben als einigermaßen negativ, weil Instagram mir eine fröhlich bunte Welt vorgaukelt von der ich sogar weiß, dass sie nur Schein ist.

Wahnsinn ist auch, dass ich das anscheinend erst jetzt so richtig begriffen habe. Ich habe niemals daran gedacht wie schlecht Instagram für das eigene Wohlbefinden ist. Ich habe es nie verstanden, wenn Freundinnen mir von ihren Problemen mit dem Netzwerk erzählt haben. Jetzt verstehe ich es. Instagram ist, um ehrlich zu sein, ein ziemlicher Mist. Alle machen ihr Leben zu einer heilen Welt, posten nur die positiven Dinge des Lebens, überziehen ihre Fotos mit fragwürdigen Filtern und posieren so lange vor der Kamera herum, bis auch jede Speckfalte verdeckt ist. Sport wird nur getrieben, damit man die Leistung anschließend posten kann. Gesund wird nur gegessen, um Teil angesagter Trends wie „veganuary“ & Co zu sein und auch das wiederum posten zu können. Man möchte nun schließlich Erfahrungen sharen. Das ist übrigens auch so eine Entwicklung die ich schwierig finde. Selbsternannte Profis haben mit Instagram eine Plattform gefunden auf der sie nonstop von eigenen Erfahrungen erzählen und ihre wertvollen Tipps mit anderen teilen können. Fragwürdig wird das Ganze dann, wenn diese genannten Erfahrungen in der kurzen Zeitspanne eines Monats oder weniger gemacht wurden und somit nicht gerade vor Überzeugung strotzen. Sollte man meinen. Aber wen kratzt es? Es wird munter drauf los geshared und sämtliche Follower*innen stehen Schlange um Gutschein Codes und Tipps für sich mitzunehmen.

Zudem sitzen jetzt häufig Influencer*innen in relevanten Politik-Diskussionsrunden, weil ihnen die halbe Welt folgt und sie offensichtlich Reichweite haben. Und das eigene Leben, obwohl alles gut ist und es eben aktuell nicht so rund läuft kommt einem schlecht vor, weil man eben einfach nur lebt und nicht jeden Tag ein neues Abenteuer vor sich hat, sondern schlicht und ergreifend den ganz normalen Alltag. Normal zu sein ist heutzutage nicht mehr genug. Es muss glitzern, bunt, sonnig und immer fröhlich zugehen. Meine Güte. Wo soll das denn noch hingehen? Dieses scheinheilige Getue und diese verfälschte Darstellung von Tatsachen die keine Tatsachen sind, sondern lediglich der Wettbewerb um Likes, Kommentare und Bestätigung. Ist das die Gesellschaft von heute? Eine graue Masse, die sich untereinander überhaupt nicht kennt, aber digital durch Verlinkungen verbunden ist? Na besten Dank auch.

Seitdem ich diese Erkenntnis erlangt habe und dabei handelt es sich nicht gerade um eine intellektuelle Glanzleistung, hat sich meine Zeit auf Instagram stark reduziert. Ich versuche die geposteten Scheinwelten zu ignorieren, das Swipen durch dargestellte Erfolgsgeschichten zu unterlassen und mich auf mich und mein eigenes Leben zu konzentrieren. Das funktioniert einigermaßen gut, aber Instagram bleibt. Gelöscht habe ich die App aber nicht, dazu ist sie im sportlichen Zusammenhang zu wichtig. Aber trotzdem habe ich einen wichtigen Schritt hin zur digitalen Freiheit gemacht. Und das ist nun wirklich Balsam für die Seele.