Wie breche ich aus Negativspiralen aus?

Ein Jahr ist mein DNF in Chamonix nun schon her. Ich weiß noch, dass ich damals bei der Siegerehrung des UTMB stand und die Leistungen der anderen bejubelte, während in mir drinnen nur Chaos herrschte. Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich in eine Zeitkapsel gestiegen. Ich wollte eine neue Chance und es besser machen, bloß nicht mehr dieses DNF spüren, wohin ich auch ging. Aber so läuft es leider nicht. Es gibt keine Zeitkapsel, es gibt keine zweiten Chancen, aber einen neuen Versuch – ein Jahr später.

Ein weiteres Jahr voller Hingabe, Disziplin, Leidenschaft, Verzicht und Einsatz. Immerhin hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits für die Finals 2025 qualifiziert. Das zumindest konnte ich von meiner To-Do Liste streichen, um heuer wieder an der Startlinie des OCC stehen zu dürfen. Ein Jahr fühlte sich damals endlos lange an und ich war unglaublich enttäuscht. Mehr als das. Ich war mental zerstört. Noch immer versetzt es mir einen Stich, wenn ich daran denke, wie ich meine Startnummer abnahm und mich an den Straßenrand setzte. Ich hatte es damals nicht in mir gehabt bis ins Ziel zu laufen und über das mentale Tief hinwegzugehen. Ich hatte es nicht in mir zu kämpfen und leider fehlte damals jemand, der mir zur richtigen Zeit das Richtige sagte. Ich hätte einen Arschtritt gebraucht, jedoch nur (Selbst-)Mitleid erfahren und mich dem hingegeben. Was folgte war eine Negativspirale aus Zweifeln, Unruhe, Unsicherheit und Angst. Nach außen wahrte ich meine gute Miene, feuerte meine Teamkolleginnen und Kollegen an, freute mich für all jene, die einen guten Tag hatten und bewegte mich inmitten dieser aufgeladenen Trailrunning-Bubble, die mich zu erdrücken schien. Es war, ich kann es nicht anders beschreiben, die Hölle.

Ich hatte einen Arschtritt gebraucht, jedoch nur (Selbst-)Mitleid erfahren und mich dem hingegeben.

Wie macht man weiter?

Eine Weile leckte ich also meine Wunden. Ich distanzierte mich von der Trailrunning-Blase, genoss München und mein Zuhause und suchte nach neuen Zielen. Meine Saison lief noch einigermaßen erfolgreich, aber das Gefühl des Zweifels saß weiterhin tief. Immer wieder sah ich Posts auf den sozialen Medien, wurde mit den Erfolgen anderer konfrontiert und damit einhergehend mit meinem Scheitern. Ich konnte nicht loslassen und durchlief das Szenario immer wieder. Mein Stresslevel bereits Tage vor dem Startschuss, mein gehetzter Blick auf den ersten Kilometern, meine Angst davor, den Erwartungen im Außen nicht gerecht zu werden und meine mentale Wand, die kurz vor Trient hochfuhr. Ich hasste den OCC und alles, was damit zusammenhing und gleichzeitig wollte ich nichts so sehr, als dorthin zurückzukehren, um es besser zu machen. Ich wusste trotz aller Selbstzweifel, dass ich mehr konnte als ein DNF. Dieses Vertrauen in meine Leistung zu lernen, obgleich es tief verbogen saß, war nötig, um endlich Frieden zu schließen und nach vorne zu schauen.

Um aus meiner Negativspirale auszubrechen, brauchte ich Unterstützung. Zwar hatte ich meinen Rennverlauf wochenlang analysiert und reflektiert und mir einige Antworten zurechtgelegt. Das allein jedoch half mir nicht dabei, voller Zuversicht weiterzumachen. Ich brauchte eine Außenperspektive, eine Stimme, die meine Gedanken unterbrach und diese neu ordnete. Erst, wenn man Ängste ausspricht, werden sie real und im weiteren Schritt lösbar. Das Umfeld allein reicht hierfür nicht aus, obwohl ich mich gesehen und verstanden fühlte. Die Gespräche mit meinem Partner und meiner Familie waren der zweite Schritt im Heilungsprozess. Schritt eins war das Gespräch mit mir selbst und Schritt drei nun, war Kai, unsere Teampsychologe. Kai und ich kennen uns seit 2023 – er hat mich durch meinen Umzug nach Chamonix und zurück nach München begleitet und er war es, der meine DNF-Laune in Chamonix abbekam, als ich ein Ventil dafür suchte und brauchte. Man kann also sagen, dass er mich bereits bestens kannte. Das ist wichtig für eine solch intensive Zusammenarbeit.

Der erste Schritt im Heilungsprozess waren mein innerer Monolog und die Reflektion. Schritt zwei waren die Gespräche mit meinem Umfeld und Schritt drei schließlich, unser Teampsychologe Kai

Die Akzeptanz

Für mich war es wichtig zu verstehen, woher mein mentaler Stress und meine damit verbundene Blockade kamen. Ursprung dessen war und ist nicht der Sport, sondern eine tief in mir sitzende Unsicherheit, die besonders in herausfordernden Situationen zu Tage tritt und entsprechend zunimmt. Sprich, in beinahe jedem Wettkampf und bei jeder Konfrontation mit potenziellem Versagen. Da wäre sie, die Perfektionistin, die alles kontrollieren und alles möglichst gut machen möchte. Klappt das nicht, macht der Kopf dicht. Leistungssport meint knallharten Leistungsvergleich und da das Laufen ein solch prägender Teil meiner Persönlichkeit ist, fühlt sich Scheitern nach einem Verlust des eigenen Selbst an. Ein schlechter Tag ist also nicht nur ein schlechter Tag, sondern eine tiefgehende Identifikationskrise. Wenn man so will. Der OCC und dessen mediale Aufmerksamkeit, die hohe Leistungsdichte und die aufgeladene Stimmung, triggerte all das auf brutalste Art und Weise.

Dennoch. So schmerzhaft diese Erfahrung auch war, bin ich heute dankbar darum. Nicht, dass ich es noch einmal erleben möchte und genau darum geht es. Ich weiß nun, wie sich ein DNF in Chamonix anfühlt und schon letztes Jahr, kurz nach meiner Entscheidung aus dem Rennen zu gehen, wusste ich eines sicher. Dass ich diese Erfahrung kein zweites Mal würde erleben wollen. Für diese Einstellung war das Scheitern wichtig, wenn nicht sogar unausweichlich. Es geht jedoch bei alledem nicht nur darum, meine Wettkämpfe in Zukunft gut zu meistern. Für mich ging es in all den Gesprächen mit Kai und in all meiner Selbstreflektion vor allem darum, den Ursprung meiner Unsicherheit herauszufinden und mich dadurch besser kennen- und lieben zu lernen. Selbstliebe, so cheesy das auch klingen mag, ist der Schlüssel zu Erfolg und sie zu erlernen ist harte Arbeit. Mit Selbstliebe einher geht die Akzeptanz der eigenen Ecken und Kanten und zudem geht es dabei darum, sich nicht mehr an jemand anderes orientieren zu wollen. Ich habe mich jahrelang mit anderen verglichen und mir dadurch nicht erlaubt, auf mich und meine Bedürfnisse einzugehen. Das macht unzufrieden und vor allem erfüllt es nicht. Es wird immer etwas fehlen, wenn man nur danach strebt, anderen nachzueifern und sich selbst dabei zu vergessen.

Das Laufen ist ein prägender Teil meiner Persönlichkeit. Daher fühlt sich Scheitern nach einem Verlust des eigenen Selbst an. Ein schlechter Tag ist also nicht nur ein schlechter Tag, sondern eine tiefgehende Identifikationskrise

Inzwischen ist der OCC 2025 gelaufen und ich bin im Ziel angekommen. Leider war es wieder nicht der Tag, den ich mir erhofft habe. Ich lief als 21. Dame ins Ziel, hatte Krämpfe und konnte, wie immer in Chamonix, meine Leistung nicht vollends zeigen. Ich habe viel erwartet und mir viel zugetraut und dennoch stand ich nicht verbissen am Start, wie noch 2024. Ich stand vorfreudig im Ziel, selbstbewusst und mit mir im Reinen. Mit mir und dem Event. Ich weinte im Ziel, aber gleichzeitig hatte ich einen glücklichen Geist beim Laufen. Ich lief als Kimi, kämpfte als Kimi und reflektierte im Nachhinein. Ich bin eine andere als noch vor einem Jahr und ruhe in mir. Weil ich mich zulasse und nicht mehr danach strebe, den Vorstellungen anderer gerecht zu werden. Es geht darum, bei sich anzukommen. Das heißt natürlich nicht automatisch, dass meine läuferische Karriere durch die Decke gehen wird, nur weil ich nun weiß, wer ich eigentlich bin. Vielleicht bleibt der OCC und ein gutes Finish dort ein Traum, der nie in Erfüllung geht. Vielleicht soll es einfach nicht sein. Und wenn schon.  Der OCC macht mich nicht aus. Er ist nur ein Puzzleteil in meinem Ankommen.