22 Sep. Hin zu sich selbst
Es gibt diese Momente in der UTMB-Woche, in denen man das Gefühl bekommt, alle würden gegeneinander laufen, noch bevor überhaupt jemand einen Fuß auf die Strecke gesetzt hat. Dieses Gefühl entsteht, weil alle reden. Weil sich alle dieselben Fragen stellen:
Wer ist dieses Jahr in Form? Wer hat wo trainiert? Wer hat beim letzten Rennen überzeugt? Wer trägt welchen Schuh? Wer ist Favoritin, wer Außenseiterin, wer könnte überraschen? Dazu kommen Startlisten, Streckenrekorde, vergangene Ergebnisse, Instagram-Posts, Podcasts und die unzähligen Gespräche, die sich in Chamonix irgendwann fast zwangsläufig um dieselbe Frage drehen: Wer wird am Ende vorne sein? Wer wird sich, begleitet von Jubelschreien und Conquest of Paradise, zu den bisherigen Champions hinzugesellen und Geschichte schreiben? Wer schafft es, all die anderen hinter sich zu lassen?
Ein Battle, ausgetragen zwischen den Besten der Besten, das doch oft von der Natur und den Ansprüchen des Trails entschieden wird. Es ist (und war nie) ein Lauf allein zwischen Läuferinnen und Läufern. Es ist (und war immer) ein Lauf gegen die Tücken der Berge und der Versuch, den Trail und alles, was ihn umgibt, zu bezwingen.
Als Läufer kann man den Renntag irgendwann gar nicht mehr abwarten, denn im Moment des Startschusses verstummt all der Lärm im Außen. All die Fragen, all die Vermutungen, das Raten und die Anspannung. Sobald das Rennen beginnt, ist man lediglich mit der einen, der schwierigsten Aufgabe des ganzen Rennens beschäftigt: mit sich selbst.
Nicht gegen die anderen
Vielleicht ist genau das eine der größten Veränderungen, die ich in den vergangenen Jahren im Trailrunning beobachte. Immer mehr Athletinnen und Athleten scheinen ihre Rennen weniger danach auszurichten, was die Konkurrenz macht, sondern danach, was sie selbst (verändern) können. Nicht, weil die anderen unwichtig geworden sind. Sondern weil man irgendwann versteht, wie gefährlich es sein kann, sich in deren Rennen zu verlieren.
Und trotzdem ist die Versuchung groß, sich an den anderen zu orientieren.
Jemand läuft an einem Anstieg plötzlich schneller. Also beschleunige ich auch. Eine Konkurrentin ist am Verpflegungspunkt vorne, also fange ich an, hektisch zu werden. Jemand, den ich eigentlich hinter mir erwartet habe, taucht plötzlich neben mir auf. Also muss ich reagieren.
Das Problem: Man weiß nicht, wie diese Person gerade läuft. Vielleicht ist sie genau in ihrem Plan. Vielleicht läuft sie zu schnell. Vielleicht kann sie dieses Tempo 100 Kilometer halten. Vielleicht auch nur zehn. Man weiß nicht, wie sie gegessen hat, wie sie geschlafen hat, wie ihre Beine sich anfühlen oder was ihr Körper in diesem Moment braucht. Man weiß nicht: wie stark ist sie mental? Vielleicht durchlebt sie zeitgleich dieselben Gedankenspiralen und ist kurz davor, die Startnummer zu hinterfragen. Wer weiß das schon? Ich weiß nur, wie es mir geht.
Ich weiß nur, wie es mir geht
Und genau deshalb kann es manchmal die klügere Taktik sein, die anderen bewusst nicht zum Maßstab zu machen. Das klingt zunächst fast passiv. Ist es aber überhaupt nicht. Es bedeutet, einen eigenen Plan zu haben, also Professionalität. Eine Vorstellung davon, wie schnell man die ersten Anstiege laufen kann. Wie kontrolliert man in die erste Hälfte startet. Wann und wie viel man essen und trinken sollte. Wann man bewusst Tempo herausnimmt und wann man mitgeht. Welche Warnsignale man ernst nimmt. Und vor allem: inwiefern man die eigene Kontrolle aufgibt, um möglicherweise ganz vorne mitzuspielen.
Das Entscheidende dabei ist nicht, dass dieser Plan starr ist. Die besten Rennpläne sind wahrscheinlich diejenigen, die man unterwegs verändern kann, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Wenn es um einen Sieg geht, um ein Podium oder um eine bestimmte Platzierung, kann es Momente geben, in denen man bewusst mitgeht, Druck macht oder eine Lücke schließt. Man geht Risiken ein, und das besonders gerne auf einer Bühne, wie der in Chamonix.
Denn die UTMB-Woche macht den Vergleich besonders leicht und das ist das Verheerende daran.
Man sieht die besten Athletinnen und Athleten der Welt beim Einlaufen. Man hört, welche Zeiten sie schaffen und erlebt, wie sie gefeiert werden. Man liest Prognosen, sieht Trainingsdaten und irgendwann beginnt man ganz automatisch, das eigene Rennen in Relation zu setzen und in Frage zu stellen.
Wenn man permanent darüber nachdenkt, ob jemand besser ist als man selbst, wird aus dem eigenen Rennen plötzlich das Rennen der anderen. Man läuft nicht mehr aus eigener Überzeugung und in der eigenen Pace. Plötzlich kämpft man nicht mehr gegen die Strecke. Man kämpft gegen die Vorstellung davon, wie man im Vergleich zu jemand anderem dasteht. Man misst den eigenen Wert an dem, der anderen.
Das ist besonders tückisch, weil der Vergleich kurzfristig sogar motivieren kann. Aber irgendwann kippt es. Dann wird aus Motivation Druck. Aus Orientierung wird Kontrolle. Und aus dem Sport, den man liebt, wird ein ständiges Reagieren und Vergleichen. Ein Vergleich, der meist zum Scheitern führt, weil der Maßstab niemals greifbar ist.
Denn die UTMB-Woche macht den Vergleich besonders leicht und das ist das Verheerende daran.
Eine Frage der Erfahrung
Vielleicht liegt genau darin diese gewisse Reife, die man bei vielen erfahrenen Athletinnen und Athleten beobachten kann. Sie wissen, dass Rennen wie die UTMB-Finals nicht an einem einzigen Berg entschieden werden. Nicht an der ersten Zwischenzeit und potenziell nicht einmal am höchsten UTMB-Index. Wobei Letzterer oftmals ein guter Richtungsgeber ist. Sie wissen das, weil sie Erfahrungen gemacht haben, die ebendas bewiesen haben. All die Erfahrungen, die zum Trailrunning dazugehören. Es ist ein Sport, der Hingabe erfordert. Und Zeit.
In diesem Jahr in Chamonix habe ich immer wieder gehört, wie von der eigenen Herangehensweise gesprochen wurde. Davon, schlau zu laufen und die Platzierung im ersten Teil des Rennens zweitrangig werden zu lassen. Davon, die anderen ihrer Taktik zu überlassen, weil man dem eigenen Plan vertraut. Es gab kein richtig und kein falsch, sondern viele nebeneinander bestehende Herangehensweisen, ausgetüftelt in einem professionellen Umfeld.
Vielleicht ist das die eigentliche Taktik hinter einem langen Rennen: nicht möglichst viel über die anderen zu wissen, sondern möglichst viel über sich selbst.
Zu wissen, wann man schnell laufen kann. Zu wissen, wann man langsam laufen muss. Zu wissen, wann man kämpfen sollte. Und zu wissen, wann man jemanden einfach laufen lässt. Vielleicht ist genau das der Moment, in dem man aufhört, gegen die anderen zu laufen und anfängt, sein eigenes Rennen zu machen.